Essbarer Erfahrungsbericht Ă  la Facebook

«Das ist ein F***-Krachsalat, capito!»

Oder ein heiteres Salateratespiel auf Facebook.

Von Christian Nill.

Zürich, Juli 2011 – Kürzlich auf Facebook: Es entspinnt sich ein blättriger Dialog zwischen zwei Facebookfreunden über einen Salat. Weitere Salat-affine Menschen werden hinzugezogen und geben ihre Meinung zum Besten. Erkenntnis: Traue keinem Salat, den du nicht selber gezogen hast.

Protagonisten:

  • Facebookfreundin A, nennen wir sie Zitta: mit grĂĽnem Daumen und haarigen Zähnen.
  • Facebookfreund B, oder Bruno: Er wĂĽsste es gerne besser, klappt aber nicht immer.
  • Rolf Hiltl, Inhaber Haus Hiltl
  • Christian Frei, Mitinhaber Tibits
  • Heiko Nieder, Chef Fine Dining Dolder Grand
  • Daniel Marinello, Inhaber Marinello
  • Seppi Kalberer, Chefkoch und Inhaber SchlĂĽssel Mels
  • Peter Walliser, Präsident Schweizer Kochverband
  • Christian Nickel, Chefkoch Restaurant Spice im Rigiblick
  • Lorenz Hug, Food&Beverage-Manager, Mövenpick Hotel ZĂĽrich-Airport
  • Gianni Segantini, Inhaber Segantini Catering und Restaurant Seidenspinner
  • Thomas Hollenstein, Director Food&Beverage Mövenpick Europe

Salatbild des Anstosses:

Was ist denn das nun fĂĽr ein Salat?

Dieses Bild postet Zitta auf ihrer Profilseite. Und schreibt dazu stolz: «Die erste Krachsalat-Ernte, stilecht eingewickelt in eine taufrische Zeitung.» Bruno kommentiert: «Das ist doch kein Eisbergsalat (wie wir Schweizer dazu sagen würden).»

Zitta, ganz leicht irritiert: «Das ist ein Fucking-Krachsalat!» Bruno, nun auch leicht irritiert, denkt: Ups, da bin ich wohl jemandem auf den Schrebergartenschlips getreten. Und sagt: «Na, mag ja sein; ich ass bislang noch nie einen “Fucking-Krachsalat“. Ein Eisbergsalat – in Deutschland auch Krachsalat genannt – sieht hingegen eher so aus…»

 

Da hat man nun den Salat.

Kein Zweifel: Das ist ein Eisbergsalat.

Und Bruno postet das Bild eines frisch gegoogelten Eisbergsalats. Bei Zitta macht sich nun der Haarwuchs auf den Zähnen verstärkt bemerkbar. Sie denkt: Na warte, Bürschchen, Dir zeig ich, was ein Krachsalat ist. Und schreibt einen weiteren Kommentar unter ihr erstes Bild:

Zitta: «Wir sind hier aber nicht in Fucking-Germany und das ist ein Krachsalat, capito!» Si, Bruno versteht. Bruno begreift jetzt auch, dass man sich mit einer Hobbygärtnerin nicht anlegt. Im Zweifel hat die Hobbygärtnerin recht. Immer.

 

Batavia, Lollo, Endivien, Romana, Lattich…

Aber Bruno ist nicht nur ein Besseresser, sondern auch ein Besserwisser. Im Guten wie im Schlechten. Also will er es auch diesmal besser wissen. Er greift zu seinem Adressbüchlein und denkt: Mal sehen, wen wir fragen könnten. Aha, Rolf Hiltl, ein Halbvegetarier. Der sollte eigentlich Bescheid wissen. Bruno schreibt Hiltl ein Mail.

Rolf Hiltl antwortet: «Hmmm… Wie wäre Batavia? Beste GrĂĽsse und viel GlĂĽck!»

 

Frisch gewaschener Batavia-Salat, noch mit Wasserzeichen.

Heiko Nieder, ausgestattet mit 17 Gault-Millau-Punkten und 2 Michelin-Sternen, antwortet subito auf das Mail von Bruno: «Hi Bruno.» Dann nette Höflichkeitsfloskeln, der Mann zeigt Stil, und schliesslich, mit Überzeugung, «Das ist ein Endiviensalat. Wir kombinieren ihn mit Austern, Gorgonzola und gebratenem Steinbutt. Ich hoffe, ich konnte Dir helfen.»

 

Heiko Nieder, fotografiert von Mischa Scherrer.

Bruno denkt: Ja, super, jetzt hab ich Hunger und zwei verschiedene Angaben: Batavia- oder Endiviensalat. Also weder Eisberg- noch Krachsalat? Besser wissen geht anders. Bruno handelt. Er schreibt ein Rundmail an diverse Experten: Lieber XY, was für ein Salat ist das auf dem Bild? Und hängt das Bild von Zittas “Krachsalat“ an. Es antworten:

Christian Frei, Mitinhaber Tibits (ZĂĽrich, Basel, London): «Bin nicht Koch, aber ich wĂĽrde mal auf Batavia tippen. Mein KĂĽchenteam meint, das könnte sein, es könnte aber auch ein Salanova sein oder eine alte Version vom Eisberg oder ein Freilandlattich… Scheint nicht so einfach zu sein, daher die Diskussion. 🙂 Mal sehen, was unser GemĂĽsebauer meint.»

 

Armin Amrein, Walserhof.      (zvg)

Armin Amrein, Inhaber und Chefkoch im Relais & Château Hotel Walserhof in Klosters, gekĂĽrt mit 17 GM-Punkten und 1 Michelin-Stern: «Es ist ein Batavia-Salat. Ich musste allerdings erst meinen GemĂĽsehändler fragen. Aber der ist auch nicht 100% sicher…»

Gianni Segantini, Inhaber Segantini Catering und Restaurant Seidenspinner in ZĂĽrich; ausserdem ein Ur-Urenkel von Giovanni Segantini, dem Maler: «Huch, Sie sind mir ein Lustiger, ich bin doch kein Vegetarier… Wir meinten, es könnte ein Krachsalat sein. Wahrscheinlich von einem Privat-/Hobbygarten.»

Peter Walliser, Präsident Schweizer Kochverband: «Meiner Meinung nach handelt es sich um eine Art Lattich, welche in Italien bekannt ist. Ich kann mich aber nicht auf einen Namen festlegen – vielleicht ein Lattuga Batavia????»

 

Christian Nickel, Spice.   (Bild: Nill)

Christian Nickel, junger Chefkoch Restaurant Spice im Hotel Rigiblick, Zürich und ausstaffiert mit 16- GM-Punkten und 1 Michelin-Stern: «Es könnte sein: Endivie glatt, Batavia, Romanasalat (eher nicht) oder Lattich. Ich glaube, es ist ein Batavia.»

Seppi Kalberer, Inhaber/Chefkoch Restaurant Schlüssel in Mels, 17 GM-Punkte, 1 Michelin-Stern: «Meiner Meinung nach handelt es sich bei diesem Salat um die fein gekrauste Endivie. Die Grossmutter unserer Köchin pflanzt die selber an und sie behauptet, dass diese genau so ausschaue.»

Die Beiden Mövenpickler Lorenz Hug (Food&Beverage-Manager im Hotel Zürich-Airport) und sein gesamt-europäischer Vorgesetzte Thomas Hollenstein (Director F&B Europe) kommen zu unterschiedlichen Schlüssen. Während letzterer auf einen «taufrisch geernteten Endivien» tippt, glaubt Hug, es eher mit einem Lollo Verde zu tun zu haben, «oder mit einer Endivien-Art.» Sicherheitshalber schickt der F&B-Manager seine Anfrage auch noch gleich an seinen Gemüsler – kein Geringerer als Marinello.

Und der räumt schliesslich auf mit allen Zweifeln und Mutmassungen.

 

Die Lösung (und die Moral)

Daniel Marinello, Inhaber der Marinello & Co. AG: «Sieht mir nach einem jungen Krachsalat aus, eine lausige Abwandlung vom Eisberg. Die Schweizer Produzenten wollten vor vielen Jahren lieber diese Variante anbauen, da die Vegetationszeit viel kürzer gewesen wäre als beim Eisberg. Zum Glück konnte der Handel dies verhindern, denn die Blätter sind hart und zäh. Man findet diesen ab und zu im Frühjahr noch auf dem Markt, hat aber null Bedeutung.»

 

Ein Krachsalat also. Facebook-Freundin Zitta lag richtig. Stand vermutlich auch auf der Packung mit den Samen drin. Bruno jedenfalls zieht geschlagen von dannen. Mit ein bisschen Trost (auch die Profis hatten ihre liebe Mühe) und einer neuen Erkenntnis im Gepäck: Sieh dich vor, mit wem du dich auf Facebook anlegst. Lege dich aber nie mit einer Hobbygärtnerin an. Und falls du es doch tust: Verlasse Facebook.

Zum Glück ist jetzt Google+ am Start. Dort soll es noch nicht so viele Hobbygärtnerinnen geben.

Krachsalat killed the Eisberg-Star. (Bild: Nill)

 

 

 

 

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